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Von der Kostbarkeit der Zeit

Irgendwann im November verabschiedet sich der Sommer endgültig. Nachdem die Natur in den Monaten September und Oktober noch einmal alles an Farben, Früchten und Gerüchen aufgeboten hat, wird es im November plötzlich ganz still in den Gärten, Wäldern und auf den Wiesen. Einzelne Blätter an Sträuchern und Bäumen trotzen noch dem Wind und den kühlen Temperaturen. Solange, bis auch sie nicht mehr die Kraft dazu haben und unbemerkt zu Boden sinken. Dann bettet sich die Natur zur Ruhe und verabschiedet sich für die Zeit des bevorstehenden Winters.
 
So wie in der Natur im November etwas zu Ende geht, geht im evangelischen und katholischen Festkalender in diesen Tagen das Kirchenjahr zu Ende (im Unterschied zur orthodoxen Kirche, für die das Kirchenjahr bereits im August endet). Aus diesem Grund erinnern sich evangelische und katholische Christinnen und Christen im November an ihre Verstorbenen: katholischerseits an Allerheiligen am 1. November, evangelischerseits am Ewigkeitssonntag, der in diesem Jahr auf den 20. November fällt. Das Sicherinnern an vertraute Menschen, die nicht mehr unter uns sind, weckt unterschiedliche Gefühle: Schmerz und Trauer, aber auch Freude und Dankbarkeit für die gemeinsame Zeit. Viele Menschen besuchen die Gräber ihrer Lieben. Als Christinnen und Christen dürfen wir darauf vertrauen, dass Gottes Weg mit uns Menschen nicht an den Gräbern endet. Das meint der Name „Ewigkeitssonntag“. Er verweist uns auf Gottes Ewigkeit, die Dimension jenseits von Raum und Zeit, in der alles aufgehoben ist. Dieser Glaube kann trösten, wenn wir vertraute Menschen vermissen.
 
Das Beispiel der Natur, der Besuch des Friedhofs und der Gedanke an Gottes Ewigkeit können uns darüber hinaus an etwas erinnern, das uns manchmal gar nicht so recht ist: unsere eigene Vergänglichkeit. Sie gehört zu unserem Menschsein, auch wenn die Stimmen unserer Zeit - dass alles zu jedem Zeitpunkt machbar und verfügbar ist - uns vom Gegenteil überzeugen möchten. Sich der eigenen Vergänglichkeit bewusst zu sein, birgt trotz aller Ambivalenz eine grosse Chance: Nämlich das Wissen um den Wert unserer Lebenszeit. Unsere Lebenszeit ist so kostbar, weil sie begrenzt ist. Der stille Monat November lädt uns zu einem bewussten Umgang mit der uns geschenkten Zeit ein: Wir dürfen sie nutzen, gestalten und uns dankbar an ihr erfreuen.
 
Pfarrerin Sabine Gritzner-Stoffers

zuerst veröffentlicht am 11.11.22 im "Rheintaler"